Blogeintrag


Lernen Kinder Sprachen schneller als Erwachsene?

Das sind die Fragen, die nicht nur engagierte Eltern umtreiben: Lernen Kinder Sprachen schneller? Wann sollte man mit der ersten Fremdsprache anfangen? Englisch in der Kita, Chinesisch in der Grundschule und die dritte Fremdsprache ab Klasse fünf - oder ist man irgendwann zu alt, um eine Fremdsprache zu lernen?

Eins vorneweg: Es ist nie zu spät eine neue Sprache zu lernen. Bisher ging man davon aus, dass ab einem bestimmten Alter bestimmte Fähigkeiten verloren gehen, die man benötigt, um eine Sprache zu lernen. Über diese „critical period hypothesis“ ist viel geforscht worden. Dabei ist man ganz unterschiedlichen Fragen nachgegangen: Zum Beispiel in Bezug auf die Schnelligkeit des Spracherwerbs, der Unterscheidung von Spracherwerbsprozessen in verschiedenen Altersstufen, dem Kompetenzprofil, das erwachsene Lerner erreichen können und welche Auswirkungen die Forschungsergebnisse auf den Fremdsprachenunterricht haben oder haben müssten. Eine gut verständliche Einleitung zum „Faktor Alter“ gibt es hier in der Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht.

 

Spracherwerb im Kindesalter langsamer als oft behauptet

Demnach ist der Spracherwerb im Kindesalter viel langsamer und mühevoller als oft behauptet wird. Dies gilt für den Erst- ebenso wie für den Zweitsprachenerwerb. Auch der New Scientist berichtete im letzten Jahr zum Beispiel von einer israelischen Studie, bei der Kinder und Erwachsene mit einer erfundenen Sprachregel konfrontiert worden sind. Bei der Umsetzung der Regel schnitten die Erwachsenen wesentlich besser ab, als die jüngeren Versuchsteilnehmer im Alter von acht und zwölf Jahren. Den Studienergebnissen zufolge können Erwachsene besser Regelmäßigkeiten einer Sprache erkennen und anwenden. Andererseits müssen die Ergebnisse solcher Studien nicht unbedingt die Realität abbilden. Robert DeKeyser von der University of Texas bezeichnete die Ergebnisse der Studie zwar als spannend, warnte aber vor einer Überbewertung: „Even if adults are better at explicit learning, children are more likely to get the chance to learn implicitly.“

Ganz aktuell hat die Universität Luxemburg Forschungsergebnisse veröffentlicht. Demnach bedarf es für den Erwerb einer Fremdsprache der Fähigkeit, Sprachlaute in Wörtern zu analysieren. Den Studienergebnissen zufolge lernen Acht- bis Neunjährige deutsche Wörter aufgrund ihres bestehenden luxemburgischen Wortschatzes, während sie zum Erwerb der französischen Sprache vorwiegend ihre Fähigkeit nutzen, ungewohnte Sprachlaute in Wörtern zu identifizieren und zu analysieren. Luxemburgischsprachige Kinder lernen Deutsch „natürlich“, wogegen das Französischlernen eine anspruchsvolle kognitive Leistung ist.

 

Phonologische Verarbeitungsfähigkeiten wichtig für Fremdsprachenerwerb

Dr. Pascale Engel de Abreu von der Universität Luxemburg fand heraus, dass französische Wörter für junge luxemburgischsprachige Kinder ungewohnte Laute und Lautkombinationen enthalten. Das bedeutet, dass die Kinder zunächst die einzelnen Laute erkennen und analysieren müssen, um das neue Wort effektiv zu lernen. Die Forschungsergebnisse lassen darauf schließen, dass grundlegende phonologische Verarbeitungsfähigkeiten ein wichtiges Sprungbrett für den erfolgreichen Erwerb einer Fremdsprache mit einer fremdartigen Lautstruktur darstellen.
In der Studie wurde so untersucht, wie luxemburgischsprachige Kinder Französisch und Deutsch lernen. „Allgemein sind die Faktoren, die den individuellen Unterschieden im Fremdsprachenerwerb zugrunde liegen, zu wenig erforscht. Die Forschung auf dem Gebiet des Sprachenlernens konzentriert sich meist auf einsprachige Kinder. Wir haben uns angesehen, ob die Faktoren, die für das Erlernen der ersten Sprache wichtig sind, auch für die Unterschiede im Fremdsprachenerwerb ausschlaggebend sind“, erklärt Studienleiter Engel de Abreu.

 

Folgen für den Fremdsprachenunterricht

Die Ergebnisse zeigen, dass beide Faktoren wichtig für das Lernen der Fremdsprache sind. Das Arbeitsgedächtnis ist für das Leseverständnis und das Schreiben relevant, während die Fähigkeiten zur phonologischen Verarbeitung vor allem für die Wortdekodierung und das Lernen von Vokabeln im Französischen erforderlich sind. Die Lautbewusstheit eines Kindes kann mithilfe von Reim- und Klangspielen gefördert werden. „Die Förderung der phonologischen Bewusstheit sollte ein erklärter Bestandteil des Curriculums in Vorschuleinrichtungen und den ersten Grundschulklassen sein. Untersuchungen zeigen, dass dadurch Kindern der Erwerb von Fremdsprachen erleichtert und ihre Lesefähigkeit verbessert wird. Darüber hinaus kann es für Kinder nützlich sein, die dyslexiegefährdet sind oder Schwierigkeiten beim Erlernen von Fremdsprachen haben“, sagt Engel de Abreu.

Zurück zum Faktor Alter: Kinder lernen Fremdsprachen auf jeden Fall anders als Erwachsene. Insbesondere für die Aussprache ist ein früher Einstieg hilfreich. Und während Kinder von einer neugierigen und unbefangenen Herangehensweise profitieren, können Erwachsene auf ihr bereits vorhandenes Wissen zurückgreifen und Strukturen schneller verstehen und anwenden. Die Frage, die man stellen müsste, ist also nicht: Wer lernt schneller? Sondern eher: Wer lernt wie - und was heißt das für den Fremdsprachenunterricht... Wer sich intensiver mit der Frage beschäftigen möchte: Im SprachenShop gibt es diverse Bücher zum Thema Spracherwerb. Und wer dalango noch nicht kennt (und weil es ja nie zu spät zum Sprachenlernen ist): in diesem Video kann man sich ansehen, wie das Sprachenlernen mit den Lernvideos von dalango funktioniert.

 



Autor

YvonneDalango